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Silke Andrea Schmidt im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse

23. Mail bis 25. Juni 2004
Eröffnung: Montag, 23. Mai 2005 mit einer Einführung von Dr. Petra Leutner.
1822-Forum, Töngesgasse 40, Frankfurt.
Gefördert von der Frankfurter Sparkasse

(Installation u.a. mit 800 Kilogramm Sonnenblumenkernen)

„The sweetest melody is an unheard refrain“ heißt die Ausstellung von Silke Andrea Schmidt, die ab 23. Mai im 1822-Forum in der Töngesgasse 40 zu sehen ist. Die Offenbacher Künstlerin interessiert sich vor allem für das Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Natur, speziell zwischen Mensch und Tier. Offenbar werden die Störungen in diesem Verhältnis, unter denen in der Regel das Tier zu leiden hat. So haben die Installationen, Fotografien und Filzbilder von Silke Andrea Schmidt eine eigene Ästhetik; Schönheit, die verstört, Idylle, die gebrochen ist. Es ist ein konzeptionell-symbolischer Ansatz mit vielen, oft gegensätzlichen Facetten: Schönheit und Stereotypisierung, Kurioses, Morbides und Sakrales kommen zusammen. Natürliche und industrielle Materialien stehen in einem seltsamen Spannungsverhältnis. Es wird gesammelt, neu kombiniert und so mit neuartigen Subtexten versehen.

In der namensgebenden Installation „The sweetest melody is an unheard refrain“ trifft man auf weiße Lilien, auf Waldtiere – ein auf Mull gebettetes weißes Reh und ein Schneehase. Eine wandgroße Photographie von weißer Katze und weißem Reh dominiert den Raum. Dazu kommen ein Dutzend mit eingesticktem Reh versehene Filz-Schaukeln, und einige, die verbrannt sind. Als serielle Elemente liegen Sonnenblumenkerne aus, die den kompletten Boden bedecken.

"Unaufdringlich, aber unübersehbar künden Schmidts Arbeiten davon, wie fremd geworden ist, was einmal Natur hieß." (Christoph Schütte)

"Silke Andrea Schmidt, Absolventin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und diplomierte Architektin, arbeitet in ihren Installationen mit unterschiedlichen Medien und Bedeutungsträgern. Zum einen werden serielle Elemente angehäuft, zum Beispiel Legionen weißer Mäuse aus Gummi, Schneckenhäuser in Latexüberzug, Sonnenblumenkerne, Grassamen. Zum anderen gibt es skulpturale Einzelstücke, symbolisch verwendete, teilweise bearbeitete Naturelemente und die Inszenierung zivilisatorischer Details. Matratzen, bezogen mit Naturmaterial, ausgestopfte Waldtiere, Fundstücke aus der Natur, Insignien des Heilens: Wundpflaster, Mull. All diese Dinge werden miteinander kombiniert. Die Abbildungen können durchaus für sich alleine stehen und werden zuweilen entsprechend präsentiert, wie auch eine Werkgruppe von Filzbildern, die mit Naturmotiven bestickt sind. Die jeweiligen Elemente der Installationen fungieren je nach Anordnung und Bearbeitung also im Kontext von Reihungen, als skulpturale Unikate, als buchstäblich gemeinte Objekte oder auch als Symbole und gehen untereinander neue Beziehungen ein. Symbolisch angedeutet werden Reinheit und Unschuld durch weiße Lilien, Wachstum durch Samen, apokalyptische Momente einer Perversion der Natur durch eine Mäuseinvasion oder durch Feuer, Fluchtimpulse und Ungeschütztheit durch die ausgestopften Waldtiere, in Entsprechung dazu Fürsorge und Heilung, metonymisch evoziert durch Pflaster und Verbände." (Textauszug Dr. Petra Leutner)

Inhaltlich orientiert sich Silke Andrea Schmidt an den Thesen von Herbert Marcuse „Die Permanenz der Kunst“, 1977:

>> Die „schöne Kunst“, die auch die Überhöhung des Schönen impliziert – als Utopie – wirkt als Mittel zur Transzendenz des Realitätsprinzips letztendlich systemdestabilisierend, da der Bruch zu den realen Verhältnissen durch die ästhetische Dimension deutlich wird.

Die fiktive, „schöne“ Welt der Kunst verändert das Bewusstsein, indem Raum für eine neue Sensibilisierung geschaffen wird, denn die Existenz des wirklich Schönen und das Erkennen dessen, ist von Hingabe gekennzeichnet.

Das Schöne versinnlicht dadurch eine gegengesellschaftliche Erfahrung, d. h. die ästhetische Qualität hinterfragt als transzendentale Kraft die bestehenden Verhältnisse. <<

Text in der Ausstellung von André Breton „L’ Amour fou“, 1928

„Ich leugne nicht, dass die Liebe mit dem Leben einen Kampf zu bestehen hat. Ich behaupte aber, dass sie als Sieger daraus hervorgehen soll, und dazu muß sie sich zu einem solchen poetischen Bewusstsein ihrer selbst erhoben haben, dass alles Feindliche, das sich ihr unausweichlich entgegenstellt, in der Glut ihrer Herrlichkeit hinschmilzt.“



 

Katalogtext von Dr. Petra Leutner, Mai 2005

"About Schmidt"

Silke Andrea Schmidt arbeitet in ihren Installationen mit unterschiedlichen Medien und Bedeutungsträgern. Zum einen werden serielle Elemente angehäuft, zum Beispiel Legionen weißer Mäuse aus Gummi, Schneckenhäuser in Latexüberzug, Sonnenblumenkerne, Grassamen. Zum anderen gibt es skulpturale Einzelstücke, symbolisch verwendete, teilweise bearbeitete Naturelemente und die Inszenierung zivilisatorischer Details. Matratzen, bezogen mit Naturmaterial, ausgestopfte Waldtiere, Fundstücke aus der Natur, Insignien des Heilens: Wundpflaster, Mull. All diese Dinge werden miteinander kombiniert. An den Wänden hängen Photos von Tieren oder Naturszenerien. Die Abbildungen können durchaus für sich alleine stehen und werden zuweilen entsprechend präsentiert, wie auch eine Werkgruppe von Filzbildern, die mit Naturmotiven bestickt sind. Die jeweiligen Elemente der Installationen fungieren je nach Anordnung und Bearbeitung also im Kontext von Reihungen, als skulpturale Unikate, als buchstäblich gemeinte Objekte oder auch als Symbole und gehen untereinander neue Beziehungen ein. Symbolisch angedeutet werden Reinheit und Unschuld durch weiße Lilien, Wachstum durch Samen, apokalyptische Momente einer Perversion der Natur durch eine Mäuseinvasion oder durch Feuer, Fluchtimpulse und Ungeschütztheit durch die ausgestopften Waldtiere, in Entsprechung dazu Fürsorge und Heilung, metonymisch evoziert durch Pflaster und Verbände.

Schmidt arrangiert die Elemente zu optischen Ensembles im Raum. Die skulpturale Gestaltung führt den Betrachter in einen Kosmos hinein, den er schauend erfahren kann. Dieser Kosmos mag sich geheimnisvoll artikulieren (Wunderkammer - Und alles Fleisch wird zu Gras), ironisch (Inmausion) oder kindlich-mythisch (The sweetest melody is an unheard refrain). Das Vokabular bleibt sich mit kleinen Variationen und Erweiterungen immer gleich, und die angestrebte moderne Archaik der Arrangements wird widergespiegelt in Titelgebungen, die sich ebenso auf die Bibel wie auf Popsongs beziehen.
Traumhafte und alptraumhafte Szenen entstehen. Bilder, die sich einprägen wie Augenblicke, die man als Kind erlebt hat. Wer auf dem Lande aufwuchs, sah öfters ein angefahrenes Reh, brütete Kaulquappen aus, trug eine Streichholzschachtel mit einem zappelnden Eidechsenschwanz herum. Als Kind entscheidet man sich nicht für oder gegen Grausamkeit. Archetypisches tritt hervor, man sieht, und die Dinge nehmen beruhigende oder erschreckende Formen an.
In dem Zartheit wie Bedrohung der Natur evozierenden Vokabular werden Schmidts Werke ausformuliert. Tierwelt und Pflanzenwelt dienen als Projektionsfläche archaischer Regungen und des vorherrschenden Gefühls von Verlust. Dabei wird offenbar, daß die Balance von Natur und Kultur zerbrochen ist. Bot die Ordnung der Tierwelt sich einmal an als totemistisches Klassifikationssystem menschlichen Geistes oder waren die Tiere respektierte Partner und Gegner im Kampf ums Überleben, so zeigen sie nurmehr die Verwundbarkeit des Lebens überhaupt.

In der aktuellen Installation The sweetest melody is an unheard refrain dominiert die Farbe weiß. Die Installation ist sehr konsequent im Hinblick auf die Verbindungen, die die einzelnen Elemente untereinander eingehen. Wieder treffen wir auf die weißen Lilien, die Waldtiere, hier sind es ein auf Mull gebettetes weißes Reh und ein weißer Hase, und auf eine Photographie an der Wand von weißer Katze und weißem Reh. Dazu kommen - Kindheit und Unschuld heraufbeschwörend an der Grenze zum Kitsch - einige verbrannte und einige mit eingesticktem Rehmuster versehene Schaukeln. Als serielle Elemente liegen Sonnenblumenkerne aus.

Um herausgehobene Einzelexemplare einer Gattung wie Albinos, um die weiße Löwin, das weiße Reh, ranken sich immer schon mythische Vorstellungen. Totemistisches und magisches Denken leben darin fort. Für Jäger ist ein weißes Reh tabu. Niemand darf ein weißes Reh erschießen, denn dessen Tod bedeutete, daß ein Mitglied der betroffenen Jägerfamilie erkranken wird.
Das weiße Waldtier bietet sich in seiner Herausgehobenheit der kulturellen Aneignung an, es besitzt die Kraft, eine Mythe zu generieren. Im vorliegenden Fall beglaubigt es eine Art Kontrakt zwischen Tierwelt und Menschenwelt und eine aller Jagd vorgängige Regel, die die Ordnung des Jagens stiftet und erhält. Sie gemahnt als in die Urzeit zurückprojiziertes ehernes Gesetz den Jäger an die vorgeschichtliche Einheit von Natur und Kultur und an die verbürgte Würde und Fairneß der Jagd. Sie gemahnt außerdem daran, daß es für den Menschen generell ungeschriebene Gesetze gibt im Umgang mit dem Tier.
Der Titel der Ausstellung The sweetest melody is an unheard refrain steht in engem Verhältnis zu solchen Vorstellungen. Im Titel eines Songs der Gruppe ABC klingt dieselbe Logik an wie in Franz Kafkas Erzählung Der Gesang der Sirenen. In ihr wird das stumme Lied als süßester und gefährlichster Sirenengesang dargestellt. Das nicht erklungene und nicht gehörte Lied manifestiert die höchste Form des Gesangs. Es ist die Rückversicherung aller erklingenden Lieder und installiert das Singen als solches.

Unhörbarer Gesang und weißes Reh nehmen herausgehobene Positionen ein und stehen für das, was nicht selbst erscheint oder als Erscheinung zumindest anderen Gesetzen unterliegt als alles andere. In dieser Hinsicht können sie Gefäß und Symbol eines gelingenden Übergangs werden vom Nichts zum Seienden, von der Natur zur Kultur.
Daß solche Übergänge und ihre Protagonisten in Mythen und Erzählungen gebannt und geheiligt werden, bezeugt das Risiko aller Kultur und erinnert an die Verpflichtung, die sie eingeht gegenüber dem, was jeweils ihr anderes ist, was als Natur bezeichnet wird. Mögen die verbrannten Schaukeln der Installation The sweetest melody is an unheard refrain an die Katastrophe erinnern, die das Vergessen solcher Verpflichtung und solcher Erzählungen nach sich zieht.



 

Text von Carsten Müller, Offenbach-Post, 16.6.2005

"Nachhall eines süßen Klangs"

Silke Andrea Schmidt im 1822-Forum

André Breton weist den Weg: Der französische Dichter schreibt vom Leben als Kampf und von der Liebe, die sich dagegen zu behaupten hat. Er spricht von einer "Glut der Herrlichkeit", die ihr Macht verleiht, und diese glühende Aura ist es auch, die Silke Andrea Schmidt in ihrer Kunst zum Vorschein bringen will.

In der Galerie der Frankfurter Sparkasse, dem 1822-Forum, zeigt die Offenbacher Künstlerin eine Installation mit dem Titel "The sweetest melody is an unheard refrain". Der Titel, ein Zitat aus dem 1990 veröffentlichten Song "Poison Arrow" der Popgruppe ABC, weist wie das eingangs erwähnte Breton-Zitat, ebenfalls Bestandteil der Installation, in eine Unendlichkeit, die sich über unser Dasein erhebt.

Silke Andrea Schmidt, die sich der Natur der Dinge aus einer alles andere als alltäglichen Perspektive zu nähern versucht, inszeniert mit Vorliebe gestörte Idyllen, nimmt schon mal Wildtiere ins Fadenkreuz oder beschwört Mäuse- und Schneckenplagen. In der Sparkassen-Galerie ist es ein Gestalt gewordener Kindheitstraum, der sich dem Besucher offenbart.

Über einem Beet aus Zentimeter hoch aufgeschütteten Sonnenblumenkernen schweben zwölf Holzschaukeln, einige Sitzflächen sind verkohlt, andere mit Filzbildern bezogen, wie sie von Silke Andrea Schmidt bereits zu sehen waren. Beim Durchwandern des Raumes knirschen die Samen unter den Schuhen - ungewohnt, irritierend, aber nicht unangenehm. Dann riecht es intensiv nach den frischen Kernen.

Der Parcours aus Schaukeln lädt ein, Platz zu nehmen, sich und seine Gedanken treiben zu lassen, zu versinken, wie man es einst als Kind auf dem Spielplatz getan hat. Auf einer verbrannten Sitzfläche hat sich ein Schmetterling niedergelassen, wie die mumifizierte Fledermaus an der Wand gegenüber eine Pointe fern jeder Ironie.

In unmittelbarer Nähe liegt ein strahlend-weißes Rehkitz auf einem zarten Hügel aus Mull-Kokons und scheint aufmerksam über die Installation zu wachen, während ein weißer Hase zur Flucht bereit scheint. Die Raumsituation korrespondiert mit einer überdimensionalen Fotografie, auf der sich Katz und Kitz begegnen. Und ebenso wie die lichtdurchwirkte Aufnahme der im Schnuppern versunkenen Katze scheint der Raum von einer Aura der Reinheit und Unschuld durchdrungen - mit durchaus spiritueller Qualität.

So darf Silke Andrea Schmidts Raumarbeit auch als eine Selbstvergewisserung verstanden werden, als Platz der Einkehr und des Sich-Öffnens, aber ebenso als Ort der Vergänglichkeit, denn die Fußspuren, die ein jeder beim Gang durch die Installation hinterlässt, werden hernach beseitigt. Übrig bleibt die Ahnung eines süßen Klangs, wie der Nachhall unbeschwerter Zeit.



 

Text von Sandra Danicke, Frankfurter Rundschau (Plan.F), 23.6.2005

Silke Andrea Schmidt: »The sweetest ...«

In Wahrheit ist es nicht einmal eine Farbe. Und doch ist Weiß wohl der Ton mit der größten und faszinierendsten Ausstrahlung. Vor allem in der Natur: weiße Blumen haben einen hohen Symbolgehalt, um Albino-Tiere ranken sich Mythen. Es heißt, ein Jäger, der ein weißes Reh erschießt, verursacht die Erkrankung eines Familienmitgliedes. Weiß ist edel und sauber, Weiß ist schön wie Zuckerguß.
Süß wie Zucker und tatsächlich am Rande des Kitschs rangierend sind die Fotografien, die Silke Andrea Schmidt im Katalog anlässlich ihrer aktuellen Ausstellung im 1822-Forum zeigt. Auch der Titel suggeriert eine süßliche Romantik: "The sweetest melody is an unheard refrain", nach einer Zeile aus dem ABC-Hit "Poison Arrow". Es sind Bilder von Hasen und Hunden, anrührend niedlich, von rosafarbenen Katzenpfötchen und einem schneeweißen Pfau. Doch dann, jäh wie der Tod, blitzen Bilder von ausgerissenen Flügeln, von Tierföten oder einer Taube mit abgetrenntem Kopf auf. Eine Eieruhr läuft ab, eine Invasion weißer Schaumzuckermäuse, überall lauert Gefahr. Ausgestopfte Waldtiere, Filzbilder, die mit Naturmotiven bestickt sind, Hasenfutter, zu Fußbodenbildern gelegt - Silke Andrea Schmidt inszeniert Naturelemente zu suggestiven Rauminstallationen, zu traumhaften aber auch alptraumhaften Szenarien.
Die 1969 geborene Künstlerin, die an der HfG Offenbach studiert hat, weiß die Symbolik von Pflanzen, Farben und Materialien zu nutzen. In der aktuellen Ausstellung ist etwa ein auf Mull gebettetes weißes Reh zu sehen, dem auch mit Verbandsmaterial längst nicht mehr geholfen werden kann. Filzschaukeln verweisen auf kindliche Unschuld, doch einige sind bereits verbrannt.

 

Katalog "The sweetest melody is an unheard refrain" (pdf = 5 MB)
© Silke Andrea Schmidt · 2005
52 Seiten, Text von Dr. Petra Leutner
Auflage: 1000

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